Die Flucht

Das preisgekrönte Bilderbuch „Die Flucht“ von Francesca Sanna ist die Erzählung aus der Perspektive eines Kindes. Eine Erzählung, die eine unmittelbare und kindgerechte Darstellung von Krieg und Flucht zugänglich macht. Anfängliches Heil, hereinbrechender Krieg, Vorbereitungen einer Flucht, begleitet von schaurigen Gestalten und bestechlichen Helfern, zu Land und zu Wasser, ein viel zu kleines Boot auf dem Weg in eine viel größere Hoffnung auf Freiheit, begleitet von allen Sorgen und Ängsten, die man sich nicht auszumalen mag.

„Wir möchten nicht weggehen, aber Mama sagt, das werde ein großes Abenteuer. Wir verabschieden uns von allen, die wir kennen, und brechen mitten in der Nacht auf, damit uns niemand sehen kann.“

„Die Flucht“ (Text Buchrücken)

„Die Flucht“ von Francesca Sanna (Autorin/Illustratorin), übersetzt von Thomas Bodmer, ab 5 Jahren, 48 Seiten, erschienen 2016 im Nordsüd Verlag. Deutscher Jugendliteraturpreis, Nominierung, 2017.

Es gelingt der Autorin und Illustratorin so geradlinig und intensiv zugleich, eine durch Krieg entstandene Flucht zu thematisieren, ohne dabei etwas zu verharmlosen oder etwas hinzu zu dichten, da diese Erzählung die Wahrheit spiegelt. Sie beruht auf den wahren Geschichten von Flüchtlingen, die allesamt zu einer einzigen Geschichte verknüpft wurden.

Die Gestaltung zeigt deutlich in Farben und im Kontrast, wie Krieg alles verändert und zwar so unmittelbar und mit einer unvorstellbaren Wucht, dass alles wie von einer schweren Last erdrückt wird. Eine schwarze Welle, die mit einem zielgerichteten Griff alles an sich zu reißen und zu zerstören versucht.

Auf der Flucht lauern viele Gefahren, die von Orten und Menschen ausgehen. Menschen werden als zwielichtige Gestalten überzeichnet dargestellt, solche die eine Grenze bewachen, oder als Schleuser fungieren. Sie müssen wie Riesen erscheinen. Ihr Spiel mit der Macht muss sich belastend und schier erdrückend anfühlen. Dunkle Augen in der Nacht könnten für die ständige Beobachtung stehen. Dies alles gelingt der Illustratorin auf eine solch berührende und bewegende Art und Weise.

Die Kinder nehmen die Flucht als Abenteuer auf sich. Die Mutter versucht dieses Bild aufrecht zu erhalten. Es gelingt ihr. Sie selbst gibt ihren Kindern den wärmsten und heilendsten Schutz, den eine Mutter nur geben kann. Ihre langen Haare legen sich wie eine wärmende Decke um ihre Kinder. An dieser Stelle wird mein Herz ganz schwer. Die Mutter wird zum Sinnbild für Nestwärme, Schutz und Hoffnung. Flüchtende können alles auf einer Flucht verlieren, wie auch dieses Beispiel zeigt. Die Umarmung der Mutter bleibt.

Tipp zum Vorlesen: Bücher mit schweren Themen sollte man als Erwachsene*r vorher einmal alleine lesen und für sich beurteilen – unabhängig von der Altersempfehlung des Verlages, die meist gerne auch in Altersspannen wie z.B. 4-6 Jahre angegeben werden. Stellt euch die Frage, ob dieses Buch in eurer persönlichen Familiensituation gerade vollständig vorgelesen oder eher dialogisch betrachtet werden kann. Aus eigener Erfahrung kann ich euch berichten, dass wir hier in diesem Fall die Textstelle „Eines Tages nahm der Krieg uns Papa“ weg, vorsichtig angegangen sind. Wie genau konkret? Wir haben an dieser Stelle vermittelt, dass der Krieg sehr viel wegnimmt: Dinge und Menschen, die man lieb gewonnen hat. Als wir dann an einer Stelle ankamen, bei der nur noch drei von vier Familienmitgliedern unterwegs waren, kam das Vorlesekind alleine auf die Frage „Aber wo ist der Papa?“. Sofort blätterte es zurück zu den dunklen Seiten. Wir stellten uns also noch einmal gemeinsam die Frage, wo der Vater sein könnte. Ihr werdet sehen, Kinder können sich dieses Thema sehr gut vorstellen und besprechen. Für mich ist die Form des dialogischen Vorlesens ein wahres Geschenk, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Probiert es aus. Es lohnt sich.

Warum hat uns dieses Bilderbuch überzeugt?

  • „Die Flucht“ ist ein empfehlenswertes Bilderbuch zum Einstieg in das Thema Krieg und Flucht. Es ist kinngerecht, authentisch, hoffnungsvoll.
  • Das Bilderbuch entstand aus verschiedenen Interviews der Autorin mit Geflüchteten. All ihre Erzählungen, all ihre Fluchterlebnisse ergeben eine gemeinsame Flucht. Diese Flucht wird im Bilderbuch wiederum beschrieben auf all ihren verschiedenen Abschnitten zu Land und zu Wasser.
  • Das Buch schenkt uns ein offenes Ende. Die zuvor gezeigten dunklen Farben fehlen. Die Familie scheint hoffnungsvoll in Richtung Frieden unterwegs zu sein. So wie die Zugvögel, die sie begleiten.

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Rezension, selbst gekauft – Werbung, da Markennennung – Bildrechte: Nordsüd Verlag


Weitere Empfehlungen zum Thema Krieg & Flucht:

„Am Abend vor dem Meer“ von Khaled Hosseini. Für Jugendliche/Erwachsene

Für den Welttag des Flüchtlings am 20. Juni stellen wir euch in den folgenden Tagen eine weitere Folge Bücherdrei vor. Es geht direkt weiter – begleitet von Zahlen, Daten, Fakten und Portraits!

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