Was macht das mit Geschwistern, wenn sie plötzlich ihre Eltern verlieren? Raufen sich Schwestern und Brüder trotz zuvor häufiger Rivalitäten und kleineren Stänkereien plötzlich zusammen, um die unvorstellbare Situation zusammen zu bewältigen oder leben sie sich aufgrund der Belastungen auseinander?

Wie kommt man als Kind damit klar, wenn die wichtigsten Bezugspersonen nicht mehr da sind und sich das gesamte Leben radikal ändert? Bei wem, wo und wie lebt man dann und wie wird die eigene Kindheit und Jugend, wenn andere Menschen Einfluss auf das Leben der Kindern nehmen?

In diesem unglaublich beeindruckenden und berührenden Jugendroman erzählt Jack, die 12jährige Ich-Erzählerin, genau davon: Wie ihr Leben und das ihres neunjährigen Bruders Birdie nach dem Tod der Mutter ist, welche Veränderungen sie erleben und welchen Einfluss das auf ihren Bruder und sie hat. Eine Geschichte über eine besondere Geschwisterbeziehung, die wegen oder trotz aller Belastungen wächst. Und über die Beziehung zu Menschen, die nach ihrem Schicksalsschlag plötzlich in Jacks und Birdies Leben treten und auf allen Seiten viel Anstrengung und Bemühen, gegenseitiges Verständnis und Entgegenkommen verlangt.

„Birdie und ich“ von J. M. M. Nuanez, übersetzt aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Erschienen 2022 im dtv Verlag. 288 S., ab 11 Jahre.

Über eine Geschwisterbeziehung, die allen Widrigkeiten zum Trotz bestehend bleibt und wächst!

Seit Jacks und Birdies Mama bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, leben die Geschwister bei ihrem Onkel Carl, der locker ist und den Kindern von viel Fastfood, Fernsehen und das Schuleschwänzen erlaubt. Wegen dieses legeren Lebensstils sollen die Kinder statt bei Onkel Carl bei dem anderen Bruder ihrer Mutter, Onkel Patrick, in Kalifornien leben.

Er ist konservativ, strukturiert und strenger als Carl, so dass die Kinder geordnete Bedingungen und ein geregeltes Leben, aber wenig Wärme und Nähe vorfinden. Patrick ist eigentlich gerne für sich, kann mit den Kindern wenig anfangen und findet nur wenig Zugang zu ihnen. Vor allem hat er kein Verständnis für Birdies Kleidungsstil: Er liebt die Farbe Lila, Glitzerkleidung und Nagellack und hat es mit seiner auffälligen Kleidung in seinem neuen Umfeld schwer, während seine Schwester bald neue Freunde findet.

In dieser Situation – neue Bezugsperson, neues Umfeld, die Trauer um die Mutter, die persönliche Entwicklung, die Schwierigkeiten des jüngeren Bruders – versucht Jack für Birdie da zu sein, ihn zu unterstützen, ihm zu helfen. Doch während sie die Verantwortung für Birdie trägt und ihm hilft, wo immer es nötig ist, steht Jack oftmals selber mit all den Veränderungen allein da, ist überfordert mit ihren Gefühlen, dem fehlenden Halt und der großen Verantwortung für ihren Bruder.

Wie einsame Inseln leben Jack, Birdie und Patrick nebeneinander, doch aus einzelnen Inseln kann sich auch ein Archipel entwicklen. Nach und nach erfährt Jack immer mehr über die Familiengeschichte und die Vergangenheit ihrer Mutter, worüber sie auch in ihren Tagebucheinträgen schreibt, die sich am Ende jedes Kapitels finden.

Ein Buchjuwel mit Tiefgang und großer erzählerischer Sensibilität!

Sie und Birdie kommen auch ihrem Onkel Patrick langsam näher, der bereit ist, sich den Kindern ein wenig gegenüber zu öffnen, so dass aus drei sehr individuellen Einzelgängern eine Gemeinschaft entwickelt, die über die Beziehung von Jack und Birdie hinausgeht. Und so schreibt Jack am Ende in ihr Tagebuch: “Die Welt ist voller Menschen, die man verlieren kann. Aber die Welt ist auch voll von Menschen, die man gewinnen kann.”

Diese warmherzige Geschichte besticht durch ihre vielfältigen Stimmungen, die Entwicklungen der Charaktere, die sensible Beschreibung der angesprochenen Themen wie Verlust, Einsamkeit, Veränderungen, Entwicklung, Gendervorstellungen, Vertrauen und Enttäuschungen sowie die einfühlsamen Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptfiguren. Neben der Geschwisterbeziehung von Birdie und Jack wird auch das Verhältnis zwischen den Brüdern Carl und Patrick beleuchtet und gezeigt, dass ein Schicksalsschlag, Familienverbindungen und vergangene Ereignisse zu einem neuen Miteinander führen können, auch wenn alle Beteiligten ganz unterschiedlich sind.

Ein sprachliches und erzählerisches Buchhighlight, dass alle Kinder ab 11 auf jeden Fall lesen sollte – egal, ob mit oder ohne Geschwister!

Ausgezeichnet mit dem Luchs der ZEIT und Radio Bremen. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2023.

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Vielen Dank, lieber Verlag dtv Reihe Hanser, für dieses berührende Rezensionsexemplar – Werbung (Markennennung), unbezahlt und unbeauftragt

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