Geschwister sucht man sich nicht aus, die bekommt man einfach. Und das läuft nicht immer zur Zufriedenheit der schon in der Familie lebenden Kinder. Noch komplizierter ist es, wenn ein fremdes Kind in die Familie kommt und dadurch eine neue Lebenssituation entsteht, mit der sich alle Familienmitglieder arrangieren müssen. In dem ungereimten Versroman “Ein Bruder zu viel” bekommen wir von so einer für alle neuen Familienkonstellation erzählt, die für Veränderungen sorgt, mit denen zunächst niemand gerechnet hat:

„Ein Bruder zu viel“ von Linde Hagerup und Felicitas Horstschäfer (Illustrationen), übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Erschienen 2019 im Gerstenberg Verlag. 144 S., ab 9 Jahre.

Sara ist neun als die beste Freundin ihrer Mutter plötzlich verstirbt und ihren fünfjährigen Sohn Steinar hinterlässt, für den niemand mehr sorgen kann. Und so nimmt Saras Familie Steinar bei sich auf. Während Emilie, Saras 14 Jahre alte Schwester Steinar schnell ins Herz schließt, zieht sich in Sara alles zusammen: Sie kann Steinar einfach nicht leiden, denn er ist klein, nervig und heult ständig. Völlig entnervt davon, auch noch ihr Zimmer mit ihm teilen zu müssen, wünscht sie sich einfach nur, dass wieder alles so wird wie früher, als Steinar noch nicht bei ihnen gelebt hat: Ein gemütliches Zuhause, Eltern, die nicht ihre ganze Zuwendung einem verwaisten Kind zukommen lassen, ihr ganz eigenes Zimmer und der gewohnte Familienalltag mit manchmal gestressten Eltern und einer nervigen großen Schwester. Doch nun ist Steinar da und nichts ist mehr normal, so wie sie es gewohnt ist.

Geschwister sucht man sich nicht aus. Erst recht nicht, wenn sie als Pflegekind in die Familie kommen.

Obwohl sie tief im Herzen weiß, dass sie Mitleid mit dem Jungen haben müsste und rücksichtsvoll sein sollte, schafft Sara es nicht, eine Beziehung zu dem Jungen aufzubauen. Als sie versteht, dass ihre Ablehnung zu groß ist und sie niemals lieb zu Steinar sein wird, niemals die “große Schwester” für ihn sein kann, beschließt sie kurzerhand aus der ausweglosen Lage auszubrechen und die Flucht nach vorne anzutreten: Sie schneidet sich die Haare, zieht sich Jeans, Kapuzenpulli und eine Kappe an und beschließt ab sofort Alfred zu sein – Steinars großer Bruder.

Zunächst sind alle schockiert, akzeptieren aber Alfreds Auftauchen. Sara und Alfred bekommen gleichermaßen ihren Platz in der Familie und besonders Steinar profitiert von der Zuwendung, die ihm sein “Bruder” schenkt. Und so schafft es Sara bzw. Alfred Stück für Stück eine liebevolle Beziehung zu seinem Pflegebruder aufzubauen.

Wenn die Veränderung so unerträglich ist, dann hilft manchmal nur die Flucht nach vorne.

Mit seinen kurzen Kapiteln ist das Buch auch für nicht so geübte Leser*innen geeignet und schafft eine große Sensibilität für verschiedene Familienverhältnisse sowie unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten. Die Illustrationen in blau, gelb und schwarzen, die in Drucktechnik geschaffen wurden, unterstreichen viele Szene passend und sind durch die monochrome Gestaltung ein Spiegelbild der gegensätzlichen Gefühle, die Sara bzw. Alfred gegenüber dem neuen kleinen Bruder empfinden.

In kindgerechter Sprache verfasst ist die dichte Erzählung voller Hoffnung, auch wenn die anfangs so traurige und belastende Situation, die Sara auswegslos erscheint. Die Protagonistin findet für die Veränderung in ihrem Leben durch ihre Willensstärke und Kreativität einen Weg, mit dem sie nicht nur die neue Lebenssituation akzeptieren, sondern ganz proaktiv und positiv mitgestalten kann. So erzählt dieses empfehlenswertes Kinderbuch, bei dem die Themen eigene Identität, Veränderungen im Leben, Geschwister- und Familienkonstellationen im Vordergrund stehen, eine sensible Geschichte über ein starkes Mädchen und eine berührende Geschwisterbeziehung, die sich erst nach und nach entwickelt.

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Vielen Dank, lieber Gerstenberg Verlag, für dieses tolle Rezensionsexemplar – Werbung (Markennennung), unbezahlt und unbeauftragt

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