Wenn Brüder oder Schwestern älter werden, verändert sich oftmals etwas in der Geschwisterbeziehung. Da mischen sich plötzlich Pubertät, Mit-sich-selbst-klarkommen, Schulprobleme, Liebeskummer, nervige Eltern und neue Interessen in das bisherige System. Dann kann es sein, dass die Geschwisterbeziehung plötzlich Kopf steht.
Und wenn der Bruder oder die Schwester wirklich ernsthafte Probleme hat, dann steht vielleicht noch mehr Kopf als nur die Beziehungen innerhalb der Familie.

Mit „Eine halbe Banane und die Ordnung der Welt“ hat die Autorin Sarah Michaela Orlovský eine Geschichte zweier Schwestern geschrieben, die, erzählt aus der Ich-Perspektive der Jüngeren, voller Fürsorge steckt und uns ergreifend davon erzählt, wie es für Geschwister sein kann, wenn sich plötzlich zwischen die vertraute Beziehung der beiden eine Krankheit wie Magersucht drängt.

„Eine halbe Banane und die Ordnung der Welt“ von Sarah Michaela Orlovský. Erschienen 2021 im Tyrolia Verlag. 60 S., ab 9 Jahre.

Man liest dieses Buch nicht ohne Gänsehaut oder Tränen in den Augen, gerührt von der Verzweiflung und Verständnislosigkeit, dem Wunsch Verstehen und Helfen zu wollen, dem Bemühen um die große Schwester, zu der scheinbar der Kontakt verloren gegangen ist. Denn seit Barbaras Magersuchterkrankung ist nichts mehr so wie es mal war. Und Barbaras jüngere Schwester, die von der kranken Schwester im wirklichen und übertragenen Sinne ausgeschlossen wird und trotzdem mitten drin steckt im Gefühlschaos der Familie, der Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit und Verschlossenheit der eigenen Schwester, ringt darum, gehört zu werden.

Was macht man, wenn die große Schwester sich plötzlich komplett verschließt?

In 58 Seiten Monolog spricht Barbaras namenlose jüngere Schwester sie direkt an, erzählt von ihren Gedanken und Gefühlen, stellt Fragen, reflektiert über die Zeit vor der Krankheit, wie und was sich dadurch verändert hat und wie es den Mitgliedern der Familie damit geht. Durch diese Reflexion erfährt man als Leser*in nach und nach die Hintergründe von Barbaras Vergangenheit und auch Erkrankung: Barbara ist sportlich, diszipliniert, aber lebensfroh, was sich ändert, als sie eine neue Freundin, Anne, findet. Anne zählt gerne, vor allem Kalorien und ihr Essen, ist eher zynisch und hat mit ihrem Verhalten und ihren Meinungen offensichtlich großen Einfluss auf Barbara. Sie isst immer weniger, wird schmaler, kraftlos und lässt niemanden mehr an sich ran. Die verschlossene Tür von Barbaras Zimmer steht sinnbildlich für Barbara Seele – sie hat sich selbst in sich eingeschlossen und findet keinen Weg mehr heraus. Sie verschwindet langsam: Zunächst aus dem Alltag, dann aus der Familie – die Gefahr ist groß, dass sie aufgrund der Krankheit aus dem Leben verschwindet. Der Einfluss von Barbaras Verhalten und dieser Krankheit auf die Familie ist groß: Konflikte und Streit, Wut und Ohnmacht, Schuld und Neid, Zurückweisung und Angst um die Tochter und Schwester prägen den Alltag der Eltern und jüngeren Schwester.

Doch aus den Worten der jüngeren Schwester, die sie Barbaras verschlossener Tür und dem verschlossenen Herzen der Schwester anvertraut, erfahren wir auch über ganz viel Positives und schönen Rückblicken aus der Vergangenheit: Über gemeinsame Spiele und Abenteuer, Barbaras Lebensfreude und ihr Lachen, das immer wieder erwähnt wird. Auch ihre Wünsche an Barbara, was sie noch alles mit ihr unternehmen möchte, bekommen ihren Platz.

Aus dem gelungenen Zusammenspiel dieser Rückblicke und dem Nachdenken über das aktuelle Geschehen erfahren wir von Barbaras Schwester auch viel über die große Vertrautheit der beiden, die Liebe, die sie für ihre große Schwester empfindet, wie sehr sie ihre Schwester braucht und von der großen Angst, die sie um ihre Schwester hat. Angst darum, dass sie dasselbe Schicksal erleiden wird wie ihre Freundin Anne, die die Magersucht scheinbar nicht überlebt hat.

Ein berührender Versroman in Monologform über eine Schwesternbeziehung, die geprägt ist von einer Magersuchterkrankung.

In Versform abgedruckt lässt der Monolog von Barbaras jüngeren Schwester viel Raum für die Gedanken und Gefühlen, die beim Lesen entstehen und die von der Hauptfigur durch ihre Worte eindrucksvoll vermittelt werden. Besonders die Aufzählungen, die Barbaras Schwester in ihre Selbstgesprächen einflechtet, stechen hervor: In den Listen “10 Gründe, warum es sich doch lohnt” (S. 27), “10 Gründe, die du schrecklich findest” (S. 42), “10 Dinge, die dich immer zum Lachen gebracht haben” (S. 45) benutzt die kleine Schwester viele Wortneuschöpfungen wie z.B. “Kletterrosenduftsüße” und drückt durch diese Wortspiele ein Stück weit Barbaras frühere Lebensfreude aus, die sie so sehr vermisst. Das offene Ende der Geschichte und das gesamte Buch, das man aufgrund seines Umfangs schnell durchgelesen hat, wirken noch lange in einem nach.

Es ist ein erzählerisches Juwel und gefühlsstarkes Leseerlebnis. Voller Sensibilität und sehr berührend schafft Sarah Michaela Orlovský die Geschichte von einem kranken Mädchen und ihrer traurigen, verzweifelten jüngeren Schwester, die sich nur eines wünscht: Ihre große Schwester wieder zu haben, nicht von ihr allein gelassen zu werden, die, obwohl sie (noch) anwesend ist, irgendwie nicht mehr da ist. In der Hilflosigkeit und gleichzeitigen Hartnäckigkeit, mit der Barbaras Schwester zu ihr spricht, schwingt die gesamte Zeit ein Satz aus dem Anfang des Buches mit:

Ich brauch dich, große Schwester. Ich brauch dich doch.

„Eine halbe Banane und die Ordnung der Welt“ (S. 7)

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Vielen Dank, lieber Tyrolia Verlag, für dieses bewegende Rezensionsexemplar – Werbung (Markennennung), unbezahlt und unbeauftragt

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