Die Narben des Piraten

Du hast eine Narbe? Sie erinnert dich an ein Ereignis oder gar einen schweren Unfall? Wie erging es dir damals und was fühlst du heute, wenn du dich daran zurück erinnerst? Wie geht es deinen Mitmenschen, die dich dabei begleitet haben? Kann ein Buch diese Geschichte erzählen und einer Familie dabei helfen, das Erlebte zu bewältigen und die Erfahrung mit anderen zu teilen? Die Antwort lautet: Das kann ein Buch.

„Die Narben des Piraten“, Dr. Sebastian von Berg, illustriert von Timm Kinitz, ab 4 Jahren, 32 Seiten, erschienen Oktober 2020 im Kellner Verlag.

Im Zentrum der Geschichte steht ein Piratenkapitän. Nicht etwa irgendein Pirat. Es ist Kabeljau Kidd, der uns die wildesten Geschichten, ja wirklich das größte Seemannsgarn auftischt, um seine heute noch sichtbaren Narben gekonnt in Szene zu setzen.

Was erzählen diese Narben? Was hat er wirklich erlebt? All das wird in comichaften Farben illustriert. Dabei stellt Timm Kinitz das abenteuerliche Seemannsgarn und die schmerzende Realität in großen Illustrationen gekonnt gegenüber.

Das Vorlesekind ist sofort gepackt von der Geschichte. Wir erkennen schnell, dass ein Schmerz zunächst zweifelsohne das Lachen vertreibt. Aber Lachen wiederum kann den Schmerz* lindern, oder ihn sogar ganz auslöschen.

Bei allem Ernst der Sache passiert es beim Vorlesen und Zuhören also ganz automatisch, dass wir lachen. Die wilden Schilderungen des großen Piraten (nicht ganz die Wahrheit) und die sofortigen Auflösungen seiner liebenswerten Frau (schon eher die Wahrheit) zeigen uns an verschiedenen Verletzungen und heutigen Narben, welche Gefahren im Alltag lauern – im Speziellen solche Gefahren, die sich im Haushalt und beim Spielen ergeben.

Besonders hervorzuheben ist dabei das autobiographische Erlebnis eines der Kinder der Familie von Berg. Das heiße Wasser einer Teetasse kippte auf den Oberkörper des Kindes. Es folgten unmittelbar schwere Hautverbühungen, ein Krankenhausaufenthalt, begleitet von einer unvorstellbaren Stärke der Eltern, dies alles gemeinsam mit ihrem Kind zu bewältigen.

Warum lege ich dir das Buch sehr ans Herz: Wir schmunzeln beim Vorlesen der Geschichten, die uns dieser sympathische Münchhausen der Karibik anzudrehen versucht. Aber wenn wir den Hintergrund des Ganzen erkennen, fühlen wir Mitleid und zugleich Bewunderung dafür, wie man den Umgang mit schwierigen Momenten, Schmerzen, Erinnerungen und jeglichen Beeinträchtigungen im Leben erlernen und an andere weitergeben kann. Solch eine Erfahrung wird zu einem Bestandteil deines eigenen Lebens und deiner individuellen Persönlichkeit: Du bist gut, genau so wie du bist.

„Jede Narbe erzählt eine Geschichte – und manchmal ein ganzes Buch.“

Autor Dr. Sebastian von Berg

Vater, Autor und Psychiater Dr. Sebastian von Berg möchte mit diesem Buch Betroffenen Mut und Zuversicht spenden. Jeder Schmerz kann in Teilen gestillt, oder gar ganz vorüber gehen. Wir erkennen beim Lesen genau diese Hoffnung. Und Hoffnung ist etwas, das wir gut gebrauchen können – zu jeder Zeit.

* Info am Rande: Hierzu existieren wissenschaftliche Studien aus England.

(Rezensionsexemplar – vielen Dank!)

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