Der Buch Talk mit Sabine Simeoni

Zur Verbindung mit der Natur zurückfinden.

Sabine Simeoni ist Wald- und Wildnispädagogin, Naturmentorin, Yogalehrerin, Autorin, ausgebildet in traditioneller Pflanzenheilkunde, Mutter von drei Kindern und Großmutter. Sie ist ein absoluter Draußen-Mensch – von einer Freundin als „geerdet und behimmelt“ bezeichnet. Gemeinsam mit Ehemann Christian lebt sie in Reundorf. Von dort aus erschafft sie einen Raum für Wildnis-und Naturbegegnungen in Form von Workshops, Seminaren und Gemeinschaft in Oberfranken/Bayern. Sowohl vor Ort als auch Online leben sie ihre gemeinsame Vision mit dem tiefen Wunsch, Menschen aller Generationen zu ermutigen, ihre Verbindung zur Natur (wieder) zu finden. Um einen Eindruck von dieser Vision zu erhalten und mehr über ihre Bücher zu erfahren, gab sie dieses Interview. 

von Iris Birger (veröffentlicht auf www.obermain.de)

Liebe Sabine, wie sieht diese Vision genau aus und was kann jeder von uns daraus konkret für sich und seinen Platz auf diesem Planeten ziehen?

Ich würde mir wünschen, dass wir uns als Menschheit wieder an den natürlichen Zyklen orientieren, die uns tagtäglich, Jahr für Jahr umgeben. Aus eigener Erfahrung orientiere ich mich an der Natur – das erdet mich und gibt mir Kraft und Zuversicht. Beides können wir alle aktuell gut gebrauchen. Diese Phase unseres Lebens verlangt uns viel ab und gleichzeitig gibt sie uns die Chance, genau jetzt etwas anders zu machen und uns damit zu beschäftigen, was auf unserem Planeten passiert. Die Pandemie ist nur ein Faktor. Das Klima, politische Krisen, ethnische Konflikte und viele weitere Themen verdienen unsere Aufmerksamkeit und unser Umdenken. Folgendes Beispiel: Charles Eisenstein – ein US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor – erklärt in seiner Arbeit, wie wir Menschen diesen Zusammenhang verloren haben und nun in einer Separation leben. Über Jahrhunderte haben wir uns von der Natur entfremdet, worin ein Grundproblem der Menschheit zu finden ist. Richard Louv – US-amerikanischer Autor und Journalist – der mit dem Buch „Das letzte Kind im Wald“ bekannt wurde, erklärt das sogenannte „Naturdefizit-Syndrom“, was so viel bedeutet wie, dass wir uns durch diese Entfremdung nicht mehr im Kreislauf der Natur bewegen und begreifen. Genau darin liegt das Problem, denn wir werden in diesen Kreislauf hineingeboren und das Bewusstsein dafür schwindet mehr und mehr: Die Geburt gleicht dem Frühling, der das Leben entstehen lässt und der Tod gleicht dem Winter und dem Norden, der das Leben zu Ende gehen lässt. Alles ist eingebettet in ein Werden, ein Sein und ein Gehen. Das gilt übrigens auch ganz klassisch für Projekte – zuerst ist da nur eine Idee, dann geht es in die Umsetzung und darauf folgt das Ergebnis. Durch das Leben in unserer durchstrukturierten und leistungsorientierten Gesellschaft ist uns dieses Bewusstsein verloren gegangen, was uns entfremdet von unserer Umwelt und unseren Mitmenschen. Das finde ich dramatisch. Aber ich denke auch ganz klar – wir haben eine Chance und wir können etwas dafür tun, um in unseren Kreislauf zurückzufinden.

Und wie könnte nun so eine wertvolle und sinnstiftende Rückkehr zur Natur aussehen? Du hast sicherlich ganz simple Tricks auf Lager, um eine Naturverbindung ohne viel Aufwand oder Expertenwissen umsetzen zu können?

So eine Art erste Hilfe in Sachen Naturverbindung könnte doch zum Beispiel direkt am Morgen sein. Sich den ersten Kaffee schnappen und nach draussen gehen in den Garten, auf den Balkon oder einfach vor die Haustüre. Was wächst dort, oder wer fliegt da durch die Luft? So fand ich zum Beispiel eine ganz besondere Verbindung zu unseren Amseln im Garten. Genau mit solchen vorhandenen Schätzen können wir unsere Achtsamkeit schärfen für das Hier und Jetzt und uns wieder mit der Natur verbinden. Besonders wertvoll ist dabei, wenn wir uns jeden Tag mit dem gleichen Objekt beschäftigen, also z.B. eine ganz bestimmte Blume oder Pflanze draußen. Wie verändert sie sich von Tag zu Tag? Im Frühling gibt es jede Menge Möglichkeiten auf diese Entdeckungsreise zu gehen. Und es gibt auch keine Ausreden dafür. Denn selbst wenn ich keinen Garten besitze, so kann ich doch auch auf der Fensterbank dem Ostergras oder der Kresse beim Wachsen zusehen, oder Sonnenblumenkerne in einem Topf aussäen und beobachten. All das ist sehr einfach und in unseren Alltag gut integrierbar. 

Und wie ist das im Wald mit der Aufmerksamkeit für die Natur?

Immer wieder stelle ich fest, dass sich die Menschen überfordern mit dieser kleinen Naturverbindungsaufgabe. Viele denken, sie müssten zunächst Baum- oder Kräuterexperte werden, bevor sie sich näher auf die Natur einlassen und einen Zugang zu ihr finden. Doch das ist ein Trugschluss. Ich kann auch ohne tiefes Wissen, die Verbindung zur Natur spüren, wenn ich die Bäume im Wald beobachte, mir ihre Rinde anschaue, ihre Blätter, ihren Zustand. Es muss auch nicht immer gleich ein Waldspaziergang sein oder die Wanderung zum Staffelberg. Wir alle haben tägliche Wege, die uns zu bestimmten Orten und Gelegenheiten führen. So kann es auch im Dorf oder in der Stadt ein Baum sein, den wir täglich beobachten können. 

Kinder haben genau diese Fähigkeit zu beobachten, Fragen zu stellen und Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreifen zu wollen. Welche Erfahrung hast du dabei im Austausch mit Kindern gemacht?

Kinder erleben diese Hinwendung zur Natur ganz automatisch. Sie sammeln beim Spaziergang Stöcke, Steine, leere Schneckenhäuser oder Blätter ein. Alles wird nach Hause geschleppt. Daraus könnten Kinder zum Beispiel einen Jahreszeitentisch oder ein Jahreszeitenbild gestalten. Früher gemeinsam mit meinen eigenen Kindern und auch heute noch in meinen Kinderkursen widmen wir uns genau diesem Thema und schauen genau hin und hinterfragen, was uns die Natur bietet. Es geht nicht darum, den Kindern etwas vorzusetzen, sondern sie durch Fragen zum Nachdenken anzuregen, damit sie die Welt selbst entdecken und sich mit ihren eigenen Gedanken erklären können. Bleibt mir noch zu sagen, dass man sich beim Sammeln einer wichtigen Sache bewusst werden sollte: Ich nehme von einem bestimmten Platz nur so viel mit, wie ich tatsächlich verbrauchen werde zum Beispiel für die Kräuterheilkunde. Den Rest lasse ich der Natur und anderen Sammlern. 

Du hast mit dem Schreiben sehr früh begonnen und teilst auf deiner Website oder in den Sozialen Medien viel Wissen und Erfahrung. Was kannst du uns über deine Bücher erzählen?

Alles hat eigentlich mit dem Schreiben von Tagebüchern begonnen. Ich liebe es zu schreiben, schon immer. So konnte ich beides verbinden – Schreiben und Natur. Ich begann also über meine Erfahrung in meinen Kursen zu schreiben zum Beispiel mit den Waldläufer-Kindern und über die Arbeit im Jahreskreis. Als dann ein Verlag auf mich zukam, war ich ganz erfreut und ergriff die Chance. Beide Bücher liegen mir sehr am Herzen, denn ich kann in ihnen über mein Herzensprojekt berichten. „Wildes Naturhandwerk“ umfasst auch pädagogische Inhalte und widmet sich dem Thema, wie man Kinder in der Natur begleiten kann. In der sogenannten Naturpädagogik richtet man sich nach den Jahreszeiten, den Himmelsrichtungen und dem Jahreskreislauf. Das zweite Buch „Mit der Natur verbunden“ beschäftigt sich stärker mit dem Handwerk und setzt für erwachsene Leser den Fokus darauf, was man mit seinen Händen und dem was uns die Natur bietet, erschaffen kann. Wie kann ich etwas bauen und auch dann dran bleiben, wenn ich verunsichert bin und fast aufgeben möchte? Es geht dort also nicht um perfekte Bauweisen und das schönste oder größte Projekt, sondern mehr um den Prozess dahinter.

Und zu guter Letzt: Welchen Tipp hast du für Familien, die sich gerade schwer tun, diese so andere Zeit zu gestalten und mit dem Draußensein zu verbinden?

Das ist eigentlich ganz einfach. Ich habe da ein Beispiel. Wie klingt das: Kommt, Beeilung, wir wandern jetzt zum Staffelberg! Und wie klingt dieser Satz: Wir wandern heute mal zum Staffelberg – was könnten wir dabei entdecken, eine besondere Stelle vielleicht? Es geht darum, Menschen für die Natur zu begeistern und sie zu locken. Oder das nächste Feuer in der Feuerschale: Anstatt alles schnell vorzubereiten, könnte man jeden Schritt gemeinsam planen und besprechen. Wo ist die beste Stelle für das Feuer, was brauchen wir zum Anzünden, welche Stöcke nehmen wir, was könnten wir dabei essen und wer kennt eine gute Geschichte, die wir uns am Feuer erzählen können? Ich glaube ganz fest, dass wir als Erwachsene von unseren Kindern nicht verlangen können, nach draußen zu gehen und sich für die Natur zu interessieren, wenn wir selbst nur drinnen verweilen. Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder. Lasst uns Vorbilder sein und gemeinsam mit ihnen die Natur wieder entdecken und unsere Verbindung zurückgewinnen. Die Zukunft wird es uns danken. 

Mehr Infos im Internet unter www.simeoni.de; Bildrechte: Sabine Simeoni; Textrechte: Iris Birger

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